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IM GESPRÄCH MIT FRANZISKA WIRZ
«Es war eine wunderbare Zeit.»
Nach 29 Jahren verlässt Franziska Wirz «ihr Eichholz» und geht in Pension. Fast drei Jahrzehnte lang hat sie das Leben und die Entwicklung der Zuger Institution miterlebt und mitgeprägt – in ganz unterschiedlichen Funktionen. Ein Gespräch über die Anfänge, über den grossen Paradigmenwechsel und Themen der Zukunft.
Franziska, nach 29 Jahren Eichholz stehst du kurz vor dem Schritt in deine Pension. Wie fühlt sich das an?
Franziska Wirz: Irgendwie ist das noch alles so weit weg für mich. Aktuell prägen mich das Alltagsgeschehen und die Aufgaben, die es zu erledigen gilt. Doch wenn ich daran denke, fühlt sich das schon noch etwas surreal an.
Lass uns gedanklich ein wenig zu deinen Anfängen im Eichholz wandern. Wie präsentierte sich das Eichholz damals?
Es war ein viel kleinerer, sehr familiärer Betrieb, mit weniger Personal. Es ging vor allem um die Grundversorgung von Menschen im Kanton, d.h. denen ein Zuhause zu geben, die sonst keines hatten. Alles war natürlich auch bei weitem nicht so professionell aufgestellt wie heute. So hatte zum Beispiel jeder Bewohner seine Medikamente bei sich in einem Plastiksäckli – aus heutiger Sicht unvorstellbar.
Wie bist du zum Eichholz gestossen?
Mein Mann hat 1997 die Heimleitung übernommen und im Zuge dessen sind wir mit der ganzen Familie ins Eichholz in Steinhausen eingezogen.
Die ganze Familie wohnte in der Institution, mit den Kindern?
Ja, richtig (lacht). Das war damals noch so üblich. Ich bin zeitgleich in die Betreuung eingestiegen und konnte da meine Kenntnisse aus der Psychiatrie einbringen. Einige Jahre später habe ich dann die Bereichsleitung Betreuung und die Stellvertretung der Heimleitung übernommen.
Als mein Mann in eine andere Institution wechselte – womit wir als Familie auch aus der Institution ausgezogen sind – und die nachfolgende Person nach zwei Jahren das Eichholz wieder verliess, motivierte mich die Stiftung mich für die Nachfolge zu bewerben. 2011 habe ich dann die Heimleitung übernommen.
Über all die Jahre hat mich vor allem die Arbeit mit den Menschen motiviert und begeistert, für die Menschen da zu sein, die sonst kein Zuhause haben, ihnen ein Gesicht zu geben und sie ernst zu nehmen.
Allein der Begriff «Heimleitung» klingt wie aus einer anderen Zeit.
Stimmt. Mittlerweile sprechen wir auch von Institutionsleitung.
Wie würde ein Titel lauten, der die Entwicklung des Eichholz über die letzten 29 Jahren beschreibt?
Vom klassischen Männerheim hin zu einer modernen Institution für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Darin verbirgt sich ein grosser Paradigmenwechsel – weg von einer reinen Versorgungsstation, was wir damals mehr oder weniger waren, hin zu einem Ort der Befähigung und Teilhabe.
Was waren für dich die grossen Meilensteine in deiner Zeit im Eichholz?
Eine schwierige Frage. 1997 wurden erstmals Frauen aufgenommen im Eichholz, davor war es ein reines Männerheim. Das war sicherlich ein grosser Meilenstein. Dann die erste Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Zug, die wir 2011 abgeschlossen haben, und im Zuge dessen auch das Angebot auf Menschen mit psychischer Beeinträchtigung und/oder einer Abhängigkeitsstörung ausgerichtet wurde. Das wiederum zog ab 2012 eine sehr weitreichende Reorganisation nach sich: neue Konzepte, neues Leitbild, mehr Fachpersonal, neue Wohnangebote und 2014 auch die ISO-Zertifizierung. Dieser gesamte Professionalisierungsprozess war für mich einerseits eine Herausforderung, andererseits war es sehr spannend, das Eichholz weiterzuentwickeln, flexibel zu halten und auf die modernen Anforderungen auszurichten.
Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich der Umzug von Steinhausen nach Zug. Damit wurde die angesprochene Professionalisierung auch räumlich umgesetzt und ist für alle nun auch von aussen her sichtbar.
Du hast den Paradigmenwechsel angesprochen. Was hat sich damit verändert?
Ich würde drei Aspekte hervorheben. Erstens hat sich der Fokus in der Betreuung verändert – und zwar vom Helfen hin zum Begleiten, wobei Selbstbestimmung und Teilhabe heute im Vordergrund stehen. Zweitens sind die Ansprüche und Anforderungen an eine Institution deutlich gestiegen, sei es finanziell, gesetzlich, personell oder von der Sicherheit her. Und drittens ist heute die Netzwerkarbeit mit den verschiedenen externen Partnern viel wichtiger als das früher war; da hat quasi das Familiäre der Institution vieles aufgefangen.
Wie bewertest du diese Entwicklungen?
Grundsätzlich sehr positiv. Aber es muss auch darauf geachtet werden, dass alle – sprich die betroffenen Menschen, die Mitarbeitenden, aber auch die Gesellschaft – auf diesem Weg mitgenommen werden. Menschen mit einer Behinderung sollen selbst entscheiden können und auch Verantwortung übernehmen, was zum Beispiel von unseren Mitarbeitenden eine höhere Kompetenz im Bereich Kommunikation und Lösungsfindung erfordert. Oder gesellschaftlich gesehen: Akzeptiert oder trägt die Gesellschaft in Konsequenz diese Selbstbestimmungsgedanken mit?
Die 29 Jahre könnte man zusammenfassen unter dem Titel: vom klassischen Männerheim hin zu einer modernen Institution für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Darin verbirgt sich auch ein grosser Paradigmenwechsel – weg von einer Versorgungsstation hin zu einem Ort der Befähigung und Teilhabe.
Hat sich im Zuge dessen auch das Klientel im Eichholz verändert?
Ja, unsere Bewohnenden haben heute eine klarere Vorstellung von einem Leben mit Beeinträchtigung. Und sie sind viel jünger als früher.
Seit 2021 bis du in Co-Leitung mit Peter Witschi – ein Führungsmodell, über das in vielen Institutionen nachgedacht wird. Was sind deine Erfahrungen?
Für mich ist das Modell nahezu perfekt und gleichzeitig auch Ausdruck der steigenden Ansprüche an soziale Institutionen. Gerade die Themen Finanzen, Reporting, Administration haben in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Unsere Co-Leitung bildet dies 1:1 ab: Peter Witschi ist verantwortlich für die zentralen Dienste; ich hingegen für die sozialen Angebote und die Personalführung. Beide Bereiche sind gleichwertig in der Leitung verankert, was zeigt, dass wir beiden Bereichen Aufmerksamkeit widmen und fachkompetent damit umgehen möchten.
Und welche Auswirkungen hat das? Aus meiner Sicht sind unsere Entscheidungen durch die Co-Führung tragfähiger geworden. Zudem trage ich nicht mehr – wie zuvor – für alles allein die Verantwortung. Allerdings brauchen manche Entscheidungen schon auch mal etwas mehr Zeit und mehr Diskussion.
Wie geht ihr mit Meinungsverschiedenheiten um?
Das klappt bei uns eigentlich ganz gut, da wir uns schon sehr lange kennen. Grundsätzlich denke ich, ist das immer abhängig von den entsprechenden Personen, ihrer Haltung, ihrer Toleranz und der Kommunikations- und Kompromissfähigkeit. Man sollte auch nicht immer alles zu persönlich nehmen. Für uns beide ist klar: Wir haben immer das Wohl der Institution und der Dienstleistungsnutzenden im Fokus und vertreten beide auch in etwa die gleiche humanistische Grundhaltung.
Was hat dich persönlich durch all die Jahre getragen und motiviert?
Das sind sicherlich die Menschen, das Arbeiten mit Menschen; für Menschen da zu sein, die sonst kein Zuhause haben. Diesen Menschen ein Gesicht zu geben und sie ernst zu nehmen. Von meiner beruflichen Entwicklung her gesehen haben sich durch die angesprochene dynamische Entwicklung im Eichholz immer wieder neue Motivation, Begeisterung und Herausforderungen ergeben, die mir sehr viel Freude und Zufriedenheit geschenkt haben.
Ein kurzer Blick nach vorne: Was sind die Themen der Zukunft im Eichholz?
Selbstbestimmung und Teilhabe gemäss UN-BRK trotz institutionellem Rahmen. Ambulant versus stationär. Ein Klientel mit immer komplexeren Beeinträchtigungen. Das werden sicher weiterhin Themen bleiben, die seitens der Stiftung grosse Flexibilität und immer wieder neue Anpassungen erfordern.
Ein weiterer Blick nach vorne: Gibt es Pläne für die Zeit nach dem Eichholz?
Zuerst geht es mal für längere Zeit in die Ferien – einfach treiben lassen, loslassen und etwas Abstand gewinnen. Und dann schauen wir weiter. Aber eins ist klar: Diese 29 Jahren waren für mich eine wunderbare und erfüllende Zeit – mit allen Hochs und Tiefs. Daher möchte ich dieses Gespräch auch nutzen und mich bei allen ganz herzlich bedanken, die mir diesen Weg ermöglicht und mich dabei begleitet haben.
Herzlichen Dank für das wertschätzende Gespräch und alles Gute für die Zukunft.
